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Südtirol Magazin Sommer 2014 - Die Welt

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aktuell 10 Mai

aktuell 10 Mai 2014 Mai 2014 11 aktuell Ein Land, das eine Brücke sein möchte Arno Kompatscher, seit etwas mehr als 100 Tagen Südtirols neuer Regierungschef, hat sich viel vorgenommen und findet auch bei den Großen Gehör: „Als Minderheit haben wir über viele Jahrzehnte hindurch aus guten Gründen eine Igelstellung eingenommen. Jetzt müssen wir uns öffnen und zeigen, welch ein Mehrwert wir für Europa sein können.“ Nach altösterreichischer Usance heißt der Chef der Landesregierung in Südtirol Landeshauptmann. In mehr als einem halben Jahrhundert erlebte die kleine, gerade eine halbe Million Einwohner zählende nördlichste Provinz Italiens lediglich zwei Landeshauptleute: Silvius Magnago (1960-1989) und Luis Durnwalder (1989-2014). Arno Kompatscher, am 9. Jänner dieses Jahres ins Amt gewählt, winkt ab: „Keine Sorge, ich bleibe nicht 25 Jahre – in zehn Jahren will ich etwas anderes tun.“ Der Neue bricht mit vielem. Er hält um sechs Uhr morgens keine Bürgersprechstunden wie sein Vorgänger, die Dienstlimousine hat er gegen ein bescheideneres Modell eingetauscht, und in seinem Amtszimmer hängen keine Bilder mehr mit Tiroler Landschaften. Stattdessen hielt dort moderne Kunst Einzug. Doch dem 43-jährigen politischen Senkrechtstarter kommt es auch auf Inhalte an. Auf Transparenz vor allem. So ist die Tagesordnung der allwöchentlichen Regierungssitzung vorab im Netz einsehbar, ebenso wie Stunden später die getroffenen Beschlüsse. Vor der Bestellung der Aufsichts- und Verwaltungsräte landeseigener Gesellschaften lud der Landeshauptmann alle Interessierten ein, sich doch zu bewerben: ein Lebenslauf genügte. Zwei Senkrechtstarter, die sich kennen und schätzen: Italiens Premier Matteo Renzi (links) und Arno Kompatscher Landeshauptmann Arno Kompatscher mit Bundeskanzlerin Angela Merkel Staaten müssen den Mehrwert erkennen Arno Kompatscher ist der Sohn eines Schmiedes und einer Landhebamme. Sein Vater war Dorfbürgermeister; der Sohn folgte ihm im Amt. Der Jurist hat klare Vorstellungen, wohin er das mit autonomen Befugnissen ausgestattete Land führen will: „Ich möchte auf das größere Ganze aufmerksam machen. Ich will, dass die Staaten erkennen, dass die Regionen im Allgemeinen und die mehrsprachigen Regionen im Besonderen einen Mehrwert für Europa darstellen und daher die nötigen Freiräume gewähren.“ Südtirol hat lange Zeit nach seiner Abtrennung von Österreich 1919 um eine echte Autonomie ringen müssen. Erst 1972 war es soweit. „In dieser ganzen Zeit nahmen wir Südtiroler immer eine Abwehrstellung ein“, erklärt Kompatscher, „doch nun müssen wir diese Igelstellung aufgeben.“ Man brauche sich um die kulturelle Identität der deutsch- und ladinischsprachigen Bevölkerung keine Sorgen mehr zu machen: „Wir sind in unserer Sprache und Kultur so gefestigt, dass wir ohne Angst auf andere zugehen können.“ Der neue Landeshauptmann setzt auf Forschung und Entwicklung, auf Innovation. In Bozen wird ein moderner Technologie-Park entstehen, und die verschiedenen Forschungseinrichtungen sollen ebenso zusammengeführt werden wie die im wirtschaftlichen Bereich tätigen Landesgesellschaften. Arno Kompatscher will den ausgezeichneten Ruf Südtirols in Italien zudem nutzen, um weiter Know-how anzubieten wie etwa beim „KlimaHaus“. An diesem Südtiroler Energiespar-Modell orientieren sich mittlerweile viele italienische Regionen. Kompatscher, sechsfacher Familienvater, sieht sein mehrsprachiges Land als ideale Brücke zwischen zwei großen Kulturen. Die politischen Beziehungen zu Österreich sind eng, aber auch bei Angela Merkel wurde Arno Kompatscher noch während des Landtagswahlkampfes 2013 vorstellig. Die Kanzlerin wollte vom jungen Kandidaten für das Amt des Landeshauptmannes wissen, wie sich die Vorzeige-Region Südtirol im krisengeschüttelten Italien halte. Kompatscher nannte deutlich niedrigere Arbeitslosenzahlen als in Italien, vor allem bei jungen Menschen. Dies verdanke das Land seiner Autonomie, denn nur in Südtirol gebe es das duale Bildungssystem von Schule und Lehre. Italien kenne so etwas hingegen gar nicht. Deutsch-Italienischer Gipfel in Bozen Als wenige Monate später ein anderer Shootingstar in Berlin zu Gast war, nämlich Italiens neuer Premierminister Matteo Renzi, verwies Angela Merkel auf diese Besonderheit. Das Südtiroler Lehrlingsmodell könne doch ein Weg sein, um die horrende Jugendarbeitslosigkeit in Italien zu bekämpfen. Renzi war dermaßen angetan, dass es kommenden September zum Thema Arbeitsmarkt in Bozen zu einem Treffen zwischen der Kanzlerin und dem Premier kommen wird. Das Ganze eingebettet in das Treffen zwischen dem italienischen und deutschen Bund der Industrie, die sich regelmäßig in Südtirols Landeshauptstadt treffen. Arno Kompatscher strahlt, wenn er davon erzählt, Angela Merkel und Matteo Renzi irgendwie zusammengeführt zu haben. Genau diese Rolle soll Südtirol künftig einnehmen. Mehrsprachigkeit und Eigenständigkeit von Regionen sind keine Belastung, sondern eine echte Chance! Nicht nur bei der Ausbildung hebt sich Südtirol ab. Eine Studie der Rating-Agentur CRIF ergab, dass Südtirol staatsweit die höchste Dichte an Top-Unternehmen hat, darunter viele deutsche Firmen. Als Mittler zwischen beiden Märkten tritt die Business Location Südtirol (BLS) auf. Die landeseigene Standortagentur kümmert sich um die Ansiedlung Businessforum Bozen, v.l.: Südtirols Industriellen-Chef Stefan Pan mit Giorgio Squinzi (Confindustria) und BDI-Präsident Ulrich Grillo von Unternehmen, die Südtirols geographisch zentrale Lage und weitere Vorteile nutzen wollen. Der Landeshauptmann verweist auf die funktionierende öffentliche Verwaltung, die Infrastrukturen, gut ausgebildete Arbeitskräfte und das mehrsprachige unternehmerfreundliche Wirtschaftsumfeld. Auch verkehrstechnisch will Südtirol eine Brücke bilden. Die Bahnstrecke München-Verona wird teils unterirdisch verlegt. „Die Güter müssen von der Straße auf die Schiene“, sagt Kompatscher. Am Brennerbasistunnel, kurz BBT genannt, wird bereits seit einigen Jahren gebaut. Die eigentliche Herausforderung aber bilden Sprache und Kultur. „Das Potential ist riesig, und wir müssen uns endlich den Herausforderungen stellen.“ Arno Kompatscher scheint beseelt von dieser Vision Südtirols als Brücke zwischen den Wirtschafts- und Kulturräumen. Er setzt darauf, möglichst viele Landsleute zu überzeugen und auf diesem neuen Weg mitzunehmen. Von Südtirol aus den italienischen Markt erobert: Der Hauptsitz von Würth Italien in Neumarkt, südlich von Bozen. Im Jahr 1963 als Zwei-Mann-Niederlassung gegründet, beschäftigt die Würth Gruppe in Italien 4.000 Mitarbeiter, davon etwa 600 in Südtirol und erwirtschaftet einen Umsatz von 650 Millionen Euro im Jahr.

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